Mutter, Tochter und ein zu langer Abend
Eine sommerliche Nacht, die eigentlich nur kurz geplant war, zieht sich länger als gedacht. Zwischen Freundschaft, Leichtigkeit und leiser Selbstironie verliert sich Leni in Gesprächen und Zeit. Am nächsten Morgen trifft sie auf die nüchterne Klarheit ihrer Mutter. Zwei Lebensrhythmen prallen ruhig aufeinander.
Uli Ortlieb
1/26/20262 min read


Leni hatte das Wochenende eigentlich
bei ihrer Mutter geplant.
Tasche im Flur, Hausschuhe bereit,
Doris schon in diesem Zustand,
in dem sie innerlich Einkaufslisten schrieb.
In der Küchentür hatte Doris noch gesagt: „Wenn du unbedingt zu Meli willst,
spring kurz rüber.
Sie wohnt ja im selben Ort.“
„Nur kurz“, hatte Leni versprochen.
Um halb acht saß sie auf Melis Terrasse. Warme Sommerluft,
eine Lichterkette über dem Tisch,
zwei Aperol mit zu viel Eis und
zu wenig Geduld.
Stimmen der Nachbarn wehten über
die Hecken, irgendwo klirrte Geschirr.
Melis Mann nickte kurz zur Begrüßung und zog sich taktvoll wieder ins Haus zurück.
Meli lehnte sich im Stuhl zurück.
„Jetzt raus damit.“
Leni lachte leise.
„Das Date hatte echtes Show-Potenzial.“
Sie erzählte von der Bar in der Stadt,
von seinem selbstsicheren Lächeln,
von der Hand an ihrer Hüfte,
von diesem Moment, in dem alles leicht und gefährlich zugleich gewesen war.
„No Show, no Drama“,
sagte sie schließlich und hob ihr Glas.
„Aber fast wäre es eine Show geworden.“
Meli stieß mit ihr an. „Du und deine Shows.“
„Meine Shows, meine No Shows“,
sagte Leni und lachte.
Sie redeten weiter.
Über Männer mit glatten Antworten.
Über das Stadtleben.
Über diese besondere Art von Einsamkeit,
die nur Singles kennen, die ständig unter Leuten sind. Der zweite Aperol kam.
Dann der dritte. Melis Mann stellte wortlos eine Schale Chips dazu und verschwand wieder.
Irgendwann lagen Lenis Schuhe neben dem Stuhl. Die Gespräche wurden ruhiger, ehrlicher, schwerer.
Als Leni auf ihr Handy sah, war es 02:27 Uhr.
Am nächsten Morgen stand
Doris in der Küche.
Kaffeetasse in der Hand. Blick streng.
Leni kam herein, noch im Pulli von gestern,
das Gesicht eine Mischung aus Müdigkeit und Rest-Aperol.
Doris sagte nur: „Elena.“
Das Wort hatte Gewicht.
„Guten Morgen, Mama.“
Doris nahm einen Schluck Kaffee.
„Du bist gestern um kurz nach sechs zu
deiner Cousine gegangen.“
Leni nickte.
„Und heute Nacht um halb drei zurückgekommen.“
„Wir haben uns verquatscht.“
Doris sah sie lange an. Zu ruhig.
Dann sagte sie:
„Elena, du warst gestern einen ganzen Arbeitstag feiern.“
Leni verzog den Mund.
„Feiern ist übertrieben.“
„Acht Stunden Terrasse,
Aperol und Männergeschichten“,
zählte Doris auf.
„Willst du mir noch erzählen, was da los war?“
„No Show“, sagte Leni schnell.
„Alles brav. Wirklich.“
Noch ein prüfender Blick. Dann gab Doris auf.
„Du bist unmöglich.“
Sie stellte die Tasse ab,
zog Leni in eine feste Umarmung und
grinste dabei schon.
„Nächstes Mal nimmst du mich einfach mit.“
Leni lachte los.
Doris lachte mit.
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